Weil Christus euch angenommen hat…

Wie bei vielen Menschen gibt es auch in meinem Kopf Schubladen. Auch wenn ich versuche, diese so groß und vielfältig wie möglich sein zu lassen, konnte ich sie bis jetzt noch nicht aus meinem Kopf verbannen. Vielleicht wird das auch nie passieren. Eine dieser Schubladen, meine sogenannte Christen-Klischee-Schublade, einer meiner Lieblingsschubladen 🙂 , öffnete sich als ich im November zum ersten Mal von der Jahreslosung für das neue Jahr erfuhr. „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ In meinem Kopf entstanden Worte und Bilder davon, wie meine Klischee- Christen diese Bibelstelle wohl interpretieren würden. Harmonie, Lasst uns alle miteinander liebhaben! Beim Blick auf christliche Poster und Postkarten zur Jahreslosung ließ sich mein Klischee ein wenig bestätigen. Sozialromantik pur. Die heile Klischee Zwei-Kinder-Familie im Sonnenuntergang, Katze und Hund, die sich zärtlich aneinanderschmiegen, ein braunes Entenküken zwischen seinen gelben Geschwistern. Und über alledem die Jahreslosung. In Zeiten von Inklusion darf dieses Bild natürlich nicht fehlen. Menschen, die sich an den Händen festhalten und mitten unter ihnen natürlich ein Mensch im Rollstuhl. Mein persönlicher Anti-Favorit ist ein Bild mit dem Text: I love You! Ich liebe dich! Für mein Empfinden werden diese drei Worte sowieso oft schon viel zu inflationär gebraucht. Sie aber in diesem Zusammenhang zu gebrauchen, nämlich Annahme und diese Ich liebe dich – Liebe gleichzusetzen, macht mich wütend.

Einander annehmen ist für mich eines der schwierigsten Projekte in meinem Leben. Das fällt mir leichter bei Menschen, die mir eh sympathisch sind, die scheinbar mit mir viel gleich haben. Da kann ich leichter auch deren Schwächen und Macken, das war mir fremd ist annehmen. Leider gibt es aber auch Menschen in meinem Umfeld und in meinem Leben, bei denen mir das schwerfällt und ich manchmal das vielleicht auch nicht will und kann. Weil sie Dinge in mir auslösen, die ich nicht will, die mir Angst machen. Vielleicht kennt ihr auch Menschen, die ihr eigentlich partout 10 Meilen gegen den Wind nicht riechen könnt. Deren Anblick euch alleine aggressiv macht. Bei mir gibt es diese Menschen. Auch in der Gemeinde. An der Tür zum Gemeindehaus fällt das eben nicht bei mir ab und stattdessen tut sich ein Heiligenschein auf. Wie aber kann ich dann mit dieser Bibelstelle umgehen? Wenn ich eben nicht alle meine Mit-Christen und Mit-Menschen gerne mögen kann und will. Wenn ich da manchmal keine Sympathie und Zuneigung spüre? Darüber hinwegsehen und funktionieren und so tun als ob? In Gemeinde-Veranstaltungen die „Ich lächle darüber hinweg-Maske“ aufsetzen und zu Hause wieder ab?

Ich bin davon überzeugt, dass Einander annehmen vor allem und zuerst eine Kopf-Entscheidung ist! Annahme will ich nicht fühlen, ich will mich dafür entscheiden. Entscheiden dafür, den anderen nicht mir gleicher schalten zu wollen, damit ich was mit ihm anfangen kann. Entscheiden dafür, den anderen erst einmal und grundsätzlich stehen zu lassen- in seiner Meinung, seiner Persönlichkeit, seinen Schwächen, seinen Stärken. Entscheiden dafür, dem anderen in Würde und mit Würde zu begegnen. Entscheiden dafür, dass ich den anderen annehmen kann und trotzdem aus dem Weg gehen darf. Entscheiden dafür, den anderen nicht verändern zu wollen. Entscheiden dafür mich auf diesen Prozess einzulassen. Dafür vielleicht auch zu kämpfen und mit Sicherheit auch zu versagen. Annahme ist damit erstmal kein Gefühl, sondern eine Haltung meinem Mitmenschen gegenüber.

Das alles kann ich nicht allein aus mir heraus. Aus mir heraus würde ich ganz menschlich manche Menschen in meinem Leben ablehnen, ignorieren, Stimmung gegen sie machen. Den anderen mit und in Würde annehmen kann und will ich alleine aus dem Grund, weil ich zuerst in all meiner Begrenztheit, mit all meinen Schwächen, mit allen meinen Nicht-Liebenswerten, all meinen Macken bedingungslos angenommen wurde. Da gibt es diesen einen, CHRISTUS, der mich fehlerhafte, unperfekte, nicht immer liebenswerte, oft versagende, nicht immer wohlwollende Gedankenhabende, mit Rissen versehene, manchmal kaputte Anika einfach angenommen hat. Punkt und Ausrufezeichen. Drei Ausrufezeichen. Und weil das so ist, will ich auch meine fehlerhaften, unperfekten, nicht immer liebenswerten, oft versagenden, nicht immer wohlwollende Gedankenhabenden, mit Rissen versehenen, manchmal kaputten Mitmenschen annehmen. Wohlwissend, dass auch dieser Prozess von Versagen gekennzeichnet ist. Denn ich bin nicht Jesus und bleibe einfach ein Mensch. Ein Mensch, der sich aber jeden Tag neu dafür entscheiden will, den anderen so anzunehmen wie ich angenommen wurde.

2015_01_04 Jahreslösung_fb

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ Ich würde das gerne umformulieren und dann wird es noch herausfordernder, vielleicht aber auch einfacher: Weil Christus euch angenommen hat, seid ihr auch fähig den anderen anzunehmen zu Gottes Lob. Weil Christus euch angenommen hat, wollt ihr auch den anderen annehmen zu Gottes Lob. Weil Christus euch angenommen hat könnt ihr nicht mehr anders als den anderen auch anzunehmen zu Gottes Lob.

Auf meiner Reise durch die christliche Poster- und Kartenwelt habe ich dann doch ein Poster zur Jahreslosung gefunden, was mich versöhnlich gestimmt hat. Zwei Stühle, die sich erstmal nicht gegenüber stehen und die abgewendet voneinander stehen. Jeder für sich, in seinem Farbbereich. Und trotzdem gibt es die Möglichkeit sich einander zuzuwenden. Das müssen nicht beide sein, das kann auch nur einer sein. Freiraum zur Veränderung gibt es. In ganz ganz kleinen Schritten oder aber auch so, dass sie sich gegenüberstehen mit der offenen Seite ohne Lehne. Alles ist möglich. Von einander nicht begegnen bis zur Begegnung von Angesicht zu Angesicht. Freiheit zur Veränderung gibt es. Und es kann nur begegnungsreicher werden. Weniger geht kaum mehr. Und was mir besonders gut gefällt ist der Teppich. Ein gemeinsames Fundament auf dem beide Stühle in ihrer Unterschiedlichkeit stehen. Ein gemeinsamer Christus macht Annahme möglich, wenn wir uns entscheiden, denn:

Weil Christus euch angenommen hat, seid ihr auch fähig den anderen anzunehmen zu Gottes Lob. Weil Christus euch angenommen hat, wollt ihr auch den anderen annehmen zu Gottes Lob. Weil Christus euch angenommen hat könnt ihr nicht mehr anders als auch den anderen anzunehmen zu Gottes Lob.

– Anika

 

 

 

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